tarla schreibt

BLUMEN IN RAVANAS GARTEN



Hier die ersten Leseproben aus dem Roman "Blumen in Rávanas Garten" von Tarla R. Teser. Erscheinungsdatum voraussichtlich Ende 2020.


Kurzbeschreibung

Shanti Rávan ist nicht nur ein begnadeter Tänzer, sondern auch ein Frauenschwarm. Als er für seinen Freund, einen indischen Swami ein kostbares gestohlenes Palmblattmanuskript wiederbeschaffen soll, kommen ihm eine junge Tänzerin, eine verarmte Millionärin und eine Polizistin in die Quere, und er muss seinen Charme und seinen Einfallsreichtum spielen lassen, um trotzdem ans Ziel zu kommen.


Leseprobe

Professor Raghunat saß auf der rückwärtigen Sitzbank eines Mercedestaxis. Er hielt ein Mobiltelefon an sein Ohr und blickte skeptisch durch das Wagenfenster hinaus in den Regen. Hinter windgepeitschten Baumkronen ragten die Gebäudetrakte der Hofburg, des einstigen Machtzentrums der längst verblichenen Donaumonarchie, in den grauen Himmel. Eine mehrspurige Schlange aus Autos bewegte sich im Schneckentempo die nasse Ringstraße entlang, die den alten Stadtkern umschloss. Auf den Geleisen warteten Straßenbahnen, aufgefädelt wie an einer Kette. Rote Rücklichter brachen sich in den Tropfen am Fensterglas, und die Scheibenwischer des Taxis quietschten unangenehm, während sie den dünnen Film aus Wasser und Staub von der Windschutzscheibe schoben.

Der Professor wusste, dass der Wiener Straßenverkehr bei Regen jedes Mal ein einziges Chaos war, und seufzte leidgeprüft. Er war noch jung und sah auf den ersten Blick wie ein Südeuropäer aus. Aber das täuschte und kam daher, dass sein Vater Inder und seine Mutter Engländerin war. Er trug das schwarze Haar streng zurückgekämmt, und sein schönes Gesicht war trotz der kräftigen Backenknochen fast zu zart für einen Mann. Er hatte einen Oberlippen- und Kinnbart und einen beinahe weiblichen Schmollmund. Doch am beeindruckendsten waren seine wundervollen, braunen Rehaugen. Er hätte ein Frauenschwarm sein können, hätten nicht die dunkle Hornbrille mit den dicken getönten Gläsern und der langweilige graue Anzug diesen Eindruck vollends zunichte gemacht.

Das Taxi fuhr mit aufbrausendem Motor ein paar Meter weiter und hielt ruckartig wieder an. Die gequälten Blicke des Professors wanderten über die mit Autos verstopften Fahrbahnen hinüber zum Platz zwischen den beiden großen Museen im Neorenaissance-Stil, wo das Denkmal der Kaiserin Maria Theresia hinter einem Regenschleier auf einem hohen Sockel thronte. Er trommelte mit den Fingern der rechten Hand ungeduldig auf die dünne Ledermappe, die er vor sich auf dem Schoß liegen hatte, und presste mit der anderen Hand das Mobiltelefon fester an sein Ohr.

»Meine Nachforschungen waren erfolgreich. Die Versteigerung beginnt heute um zwei Uhr nachmittags. Ich bin soeben unterwegs zum Dorotheum. Die Rávanastatue gehört so gut wie uns. Ich bring sie Anfang des nächsten Monats mit nach Indien. Nein, nein, wir brauchen uns da überhaupt keine Sorgen zu machen. Es gibt ganz bestimmt keine Probleme. Also bis bald.«

Mit einer gewissen Befriedigung dachte er daran, wie rasch es ihm gelungen war, die Statue aufzuspüren. Den Großteil der Recherchearbeiten hatte allerdings nicht er geleistet, sondern sein Assistent, ein findiger Mann mit viel Eigeninitiative und einem Gespür für kreative Problemlösungen. Natürlich war es ein purer Zufall, dass genau zur selben Zeit, in der er beruflich in Wien zu tun hatte, auch die Statue hier versteigert wurde.

Er blickte auf die Uhrzeit auf seinem Mobiltelefon, ehe er es wegsteckte und sich nach vor zum Taxichauffeur neigte.

»Geht das nicht etwas schneller? Ich muss zu einer Auktion und die beginnt in fünf Minuten.«

»Soll das ein Witz sein?«, brummte der Mann mit den struppigen, grauen Haaren. »Sie sehen doch, was hier los ist.«

Professor Raghunat wurde langsam nervös. »Aber ich muss unbedingt zu dieser Auktion. Das ist sehr wichtig für mich.«

Der Taxichauffeur zuckte unbeeindruckt die Schultern. »Sie können ja zu Fuß gehen, wenn Sie wollen.«

»Zu Fuß in fünf Minuten von hier zum Dorotheum? Geht sich das denn aus?«

Der Chauffeur ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Durch den Rückspiegel warf er einen prüfenden Blick auf seinen Fahrgast. »Ach, Sie sind ein sportlicher Typ. Sie schaffen das schon.«

Professor Raghunat überlegte nicht lange. Er zog zwei sorgfältig zusammengelegte Zwanzig-Euro-Scheine aus seiner Sakkotasche und drückte sie dem Chauffeur in die Hand. Er war sich sicher, dass er viel zu viel für die Fahrt bezahlte, doch er hatte jetzt keine Zeit, sich mit solchen Belanglosigkeiten zu befassen. Er sprang aus dem Taxi und eilte zwischen Alleebäumen, Rad- und Gehwegen der Innenstadt entgegen. Er lief mitten durch einige Pfützen, das Wasser spritzte auf seine Hose, während er sich die Ledermappe über den Kopf hielt und sich so mehr schlecht als recht vor dem Regen zu schützen versuchte.

Er griff nach seinem Mobiltelefon und schaute nochmals auf die Uhrzeit. Es war zwei, Auktionsbeginn. Er würde zu spät kommen. Er lief schneller und nahm den Weg durch das äußere Burgtor mit seinen fünf Toröffnungen und über den Heldenplatz, vorbei an den beiden Reiterstandbildern von Erzherzog Carl und Prinz Eugen. Obwohl er es eilig hatte, musste er schmunzeln. Der Taxichauffeur hatte ihn richtig eingeschätzt. Er hatte tatsächlich einen durchtrainierten Körper, und das Laufen strengte ihn nicht sehr an. Er konnte es immer noch schaffen, rechtzeitig da zu sein, wenn die Rávanastatue mit der Katalognummer Zehn aufgerufen wurde.

Er wirkte etwas aufgelöst, als er endlich das Dorotheum erreichte. Sein Anzug war durchnässt, die Hose und die Schuhe schmutzbespritzt. Die glatt zurückgekämmten Haare hatte ihm ein Windstoß in die Stirn geblasen, und von der Mappe in seinen Händen rann das Regenwasser in schmalen Rinnsalen tropfend auf den Boden. Er blieb vor einer der Schmuckvitrinen im Foyer stehen, überprüfte sein Spiegelbild im blankpolierten Glas und fand, dass er ziemlich derangiert aussah. Doch nachdem er das Haar zurückgestrichen, seinen Anzug geglättet und die Mappe mit einem Taschentuch trockengewischt hatte, war er etwas zufriedener mit sich. Er rückte die Brille auf seiner Nase zurecht, atmete tief durch und ging mit zuversichtlicher Stimmung in Richtung Auktionssaal.

Die Versteigerung für Asiatika hatte bereits begonnen. Ein Blick auf die Videowand hinter dem Pult des Auktionators zeigte ihm das Foto eines indischen Holzreliefs, während er sich ein Pappkartonschild mit der Bieternummer 69 geben ließ.

»Katalognummer Acht. Die Göttin Lakshmi mit Elefanten und Fabelwesen«, sprach der Auktionator in sein Mikrophon. »Tamil Nadu, zirka siebzehntes bis achtzehntes Jahrhundert. Der Rufpreis beträgt 800 Euro.«

Fast alle Sitze im Saal waren besetzt. Erst nach einigem Suchen fand er einen freien Sessel in einer der mittleren Reihen und nahm neben einer älteren Dame mit weißen Dauerwellenlöckchen und blumentopfartigem Hut Platz. Er lehnte sich bequem zurück und legte die Mappe und das Bieterschild auf seinen Schoß. Jetzt musste er nur noch auf die Katalognummer Zehn warten und das höchste Gebot abgeben. Dann würde die Statue ihm gehören.

»3.000 Euro zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten«, verkündete der Auktionator soeben und drückte auf seine Tischglocke. Ein schrilles Klingeln hallte durch den Raum und gleich darauf wurde das nächste Bild auf der Videowand eingeblendet. Es zeigte einen Gandhara-Buddha aus dunklem Stein.

»Katalognummer Neun, Rufpreis 15.000 Euro.«

Professor Raghunat hörte nur beiläufig zu, während er seine Blicke über die Reihen der Anwesenden wandern ließ. Eine Frau ganz vorne fiel ihm auf. Er konnte sie zwar nur zwischen den Schultern und Köpfen der Anderen hindurch sehen, doch die aufreizende Art, wie sie mit den langen kirschroten Fingernägeln mit einer Strähne ihrer dunklen Haarmähne spielte, weckte seine Neugierde. Wie mochte sie wohl von vorne aussehen?

Endlich war es so weit. Auf der Videowand wurde die Rávanastatue präsentiert. Auf dem großformatigen Bild wirkte die gebeugte, rot bemalte Gestalt mit der Goldkrone und den hinterlistig dreinblickenden schwarzen Kugelaugen bedrohlich, ja nahezu diabolisch. Der zu einem hämischen Grinsen verzogene Mund mit den gebleckten Zähnen schien sich über die Anwesenden lustig zu machen. Ein Raunen ging durch die Menge. Die Leute waren ganz offensichtlich beeindruckt, und die ältere Dame mit dem Blumentopfhut schnaufte beunruhigt.

Raghunat zog seine Mundwinkel erheitert nach oben, denn er wusste, wie irritierend die Statue auf die meisten Betrachter wirkte. Er hatte das schon allzu oft beobachten können. Auf ihn machte die Statue allerdings überhaupt keinen beunruhigenden Eindruck, dazu war er viel zu sehr mit ihr vertraut.

»Die Nummer Zehn ist eine seltene Holzstatue aus Südindien«, erläuterte der Auktionator, »aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Statue zeigt Rávana, den Dämonenkönig von Lanka, und stammt aus einer privaten Sammlung. Der Rufpreis für dieses außergewöhnliche Stück beträgt 1.000 Euro.«

Der Professor griff nach seiner Bietertafel und machte sich bereit, sie in die Höhe zu halten. Doch er wartete noch ab und ließ seinen Blick zuerst durch den Saal schweifen. Er sah keine einzige erhobene Hand. Wie es aussah, war niemand außer ihm an der Statue interessiert.

Abermals lächelte er und empfand Genugtuung. Wunderbar. Das läuft ja besser, als ich erwartet habe.

Er hatte Verständnis dafür, dass niemand sich eine Statue zu Hause aufstellen wollte, die einen ständig mit ihren aufdringlichen Blicken verfolgte.

»1.000 Euro für diese wundervolle Statue«, wiederholte der Auktionator. »Wer bietet 1.000 Euro?«

Langsam hob er seine Hand mit der Bietertafel. Ein weiterer Rundumblick bestätigte ihm, dass er als einziger ein Gebot abgab. Er war sehr zufrieden.

»1.000 Euro sind geboten von dem Herrn mit der Nummer 69«, sagte der Auktionator. »Wer bietet 1.200?«

Noch immer meldeten sich keine weiteren Interessenten. Seine Hand war die einzige hochgestreckte. Er sah sich bereits im Besitz der Statue. Seine Mission war so gut wie erfüllt.


Jaqueline Amsbach saß im eng geschnittenen roten Designerkleid und mit übergeschlagenen Beinen in der ersten Reihe. Die schlanken Finger mit den kirschroten, langen Nägeln umklammerten eine schmale, ebenfalls rote Etuitasche. Die dichte braune Haarmähne war echt. Doch bei der symmetrischen Nase, den vollen Lippen und dem wohlgeformten Busen hatte der Schönheitschirurg etwas nachgeholfen. Allerdings war das in den schicken Kreisen, in denen sie sich als Millionärswitwe bewegte, durchaus üblich.

Wer bietet denn 1.000 Euro für dieses grässliche Ding? Sie drehte sich um und suchte mit ihren Blicken den Saal ab, bis sie eine einsame Männerhand in einem grauen Anzugärmel entdeckte, die das Schild mit der Nummer 69 in die Höhe hielt.

Sie drehte sich wieder nach vorn und betrachtete nochmals die Statue auf dem Bild. Eine seltsame Verwandlung ging mit ihr vor, je länger sie hinblickte. Die schwarzen Knopfaugen schienen sie magisch anzuziehen. Und plötzlich konnte sie gar nicht mehr anders, sie musste die Rávana-Figur auf dem Bild unentwegt anstarren. Oder starrte der Dämonenfürst sie an?

Auf den zweiten Blick ein beeindruckendes Stück, revidierte sie ihren ersten Eindruck. Würde doch ganz gut in meinen Wintergarten passen. Ich könnte ihn neben die Bananenpalme stellen. Ein Dämon in meinem Wintergarten, das wäre doch ein Spaß! Wenn ich es mir recht überlege: Warum sollte ich die Statue eigentlich diesem Typ im grauen Anzug überlassen?

»1.000 Euro zum Ersten, zum Zweiten und«, verkündete der Auktionator.

Wenn sie es sich recht überlegte, wollte sie die Statue haben. Sie hob spontan ihre Hand mit der Bietertafel in die Höhe.

»1.200 Euro sind geboten von der Dame in Rot mit der Nummer 33. Wer bietet 1.400? Ah, der Herr mit der Nummer 69 bietet 1.400 Euro. Wer bietet 1.600?«

Wieder streckte sie die Hand in die Höhe.

»1.600 Euro von der Dame mit der Nummer 33. Wer bietet 1.800? «

Sie lächelte. Der Typ im grauen Anzug war offenbar zäh und gab nicht so schnell auf. Aber sie auch nicht. Er wollte ein Duell? Na gut, das konnte er haben.

»1.800 sind geboten. 2.000, 2.500 und 3.000 wieder von der Dame in Rot.«

Eine Art Fieber, ein Rausch packte sie, eine plötzliche Gier, die Dämonenstatue unbedingt haben zu wollen. Sie war wie besessen. Doch ein Blick nach hinten zeigte ihr, dass ihr Konkurrent nicht so rasch aufgab.

»4.000 sind geboten von dem Herrn in Grau.«

Demonstrativ streckte sie ihre Hand noch höher hinauf, fest entschlossen, ihren Mitbieter abzuservieren.

Die Gebotssumme stieg unaufhaltsam.

»4.000, 5.000, 7.000.«

Ich muss diesen lästigen Kerl irgendwie ausschalten, dachte sie.

Mit jedem Tausenderschritt, um den die Summe stieg, erschien ihr die Statue begehrenswerter. Sie wollte den Rávana um jeden Preis haben und würde es nicht zulassen, dass er ihr jetzt noch vor der Nase weggeschnappt wurde.

Sie ließ ihre Hand wie einen Pfeil in die Höhe schießen.

»15.000 Euro«, platzte sie halb von Sinnen heraus. »Ich biete 15.000 Euro für den Rávana!«

Sie blickte ein letztes Mal zurück. Diesmal war keine Hand außer ihrer eigenen in der Höhe.

Endlich bin ich den Typ in Grau los, triumphierte sie.

»15.000 Euro zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten! Die Rávanastatue geht an die Dame im roten Kleid mit der Bieternummer 33. « Die Worte des Auktionators und das schrille Klingeln der Tischglocke waren Balsam für ihre Seele.


Professor Raghunat kratzte sich an der Schläfe. Niemals hätte er damit gerechnet, dass jemand bereit war, 15.000 Euro für eine Statue auszugeben, die in Wirklichkeit nur einen Bruchteil dieses Betrages wert war. Natürlich hätte er weiter mitbieten können, aber wer wusste schon, wie weit diese Verrückte den Preis noch hinauftreiben würde. Nein, er hatte keine Lust mehr, ihr Spiel weiterzuspielen. Er würde sich etwas Anderes einfallen lassen. Sein Improvisationstalent war gefragt.

Er wandte sich mit einem scheuen Lächeln an seine Sitznachbarin mit dem Blumentopfhut.

»Kennen Sie zufällig die Dame in Rot, die den Rávana ersteigert hat?«

Das runde Gesicht mit den kleinen blassblauen Augen und den Hängebacken schaute ihn tadelnd an. »Sehen Sie keine Nachrichten? Das ist Jaqueline Amsbach, die Millionärswitwe. Die kennt doch jeder.«

»Oh«, sagte er nur und bedankte sich mit einem Kopfnicken für die Auskunft. Dann erhob er sich von seinem Sessel und bahnte sich seinen Weg zwischen hastig zurückgezogenen Füßen und der vorderen Sitzreihe hinaus zur Tür. Er gab die Tafel mit der Bieternummer ab, klemmte sich die schmale Ledermappe unter den Arm und verließ den Auktionssaal. Ein siegesgewisses Lächeln umspielte seine Lippen. Wenn diese Jaqueline Amsbach glaubte, dass er so rasch aufgab, hatte sie sich gründlich in ihm getäuscht.

Er hielt nach dem Raum Ausschau, in welchem die Asiatika aus der Auktion zur Besichtigung ausgestellt waren, und erspähte ihn gleich nebenan. Ein Mann mittleren Alters, korrekt in einen dunklen Anzug mit Krawatte gekleidet, ein Angestellter des Dorotheums, stand als Wächter vor dem Eingang und blickte ihn fragend an.

Er erwiderte den Blick über den Rand seiner Brille hinweg. »Ich bin Professor Raghunat, Experte für indische Antiken. Ich soll im Auftrag von Frau Amsbach die soeben versteigerte Rávanastatue überprüfen«, sagte er im Schulmeisterton.

Der Mann kam erst gar nicht auf die Idee, diese Behauptung zu hinterfragen. Und der Professor gab ihm auch keine Gelegenheit dazu. Er deutete ihm, zur Seite zu treten und ging einfach an ihm vorbei in den Raum hinein.

Selbstverständlichkeitsprinzip, dachte er frohgemut und rückte die Brille auf seinem Nasenrücken zurecht. Mittlerweile hatte er sich einen Alternativplan zurechtgelegt. Sollte die exaltierte Millionärswitwe den Rávana doch behalten. Er würde die Statue einfach opfern. Sein Auftraggeber würde ihren Verlust sicher verschmerzen. Eigentlich hätte er der Frau dankbar sein müssen, denn indem sie den Rávana ersteigert hatte, sparte sie ihm eine Menge Geld. Und wirklich wichtig war ohnedies nur das Manuskript.

Er blickte sich inmitten der Ausstellungsobjekte um und hielt nach der Rávana-Figur Ausschau. Er brauchte nicht lange zu suchen und entdeckte sie ganz hinten an der Wand zwischen einem tanzenden Holzganescha und einem schwarzen Bronzekrischna. Nur ein paar Schritte und er stand direkt vor ihr. Sein Vorhaben würde nur ein paar Sekunden in Anspruch nehmen.

Er berührte mit den Fingern vorsichtig die Rückseite des Rávanas und tastete den Sprung im Holz ab. Jetzt brauchte er nur noch jene zwei Punkte zu finden, die er drücken musste, um das Geheimfach zu öffnen. Danach würde alles Weitere nur noch ein Kinderspiel sein. Er würde die Palmblattschrift an sich nehmen, sie unbemerkt in seine Mappe stecken und in aller Ruhe aus dem Dorotheum hinausspazieren. So einfach war das.


Jaqueline Amsbach stolzierte auf ihren Lackstilettos vorzeitig aus dem Auktionssaal. Sie hatte kein Interesse mehr, noch länger zu bleiben. Stattdessen wollte sie sich lieber die Rávanastatue, die sie ersteigert hatte, im Original ansehen. Sie strich sich mit einer koketten Handbewegung eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hielt zielstrebig auf den Raum mit den ausgestellten Objekten zu.

Schon als sie durch die Tür schritt, erblickte sie zwischen mit Mingvasen, Riechfläschchen und Jadeornamenten vollgefüllten Glasvitrinen und diversen an der Wand aufgereihten hinduistischen Götterskulpturen die wuchtige, grellrot bemalte Holzstatue mit der Goldkrone und den schwarzen Glotzaugen: ihren Rávana. Sie hätte sich voll dem Stolz über ihre Neuerwerbung hingegeben, hätte sie sich nicht von dem so knapp neben der Figur stehenden Mann im grauen Anzug brüskiert gefühlt. Zu allem Überdruss betastete der Unbekannte ihre Statue auch noch. Das fand sie einfach ungeheuerlich, ja geradezu obszön.

»He, was soll das? Lassen Sie sofort meinen Rávana los!«, wies sie den Mann lautstark zurecht, während sie mit klackernden Stilettos auf ihn zueilte und sich herausfordernd vor ihn hinstellte.

Er folgte augenblicklich ihrer Aufforderung, zog seine Hände von der Statue zurück und blickte sie verunsichert über den Rand seiner Brille hinweg an, ganz so wie jemand, den man auf frischer Tat ertappt hat.

»Verzeihung«, entschuldigte er sich mit einer Stimme, die fast zu samtig und zu weich für einen Mann klang. »Aber Sie haben mir den Rávana vor der Nase weggeschnappt, und nun wollte ich ihn nur noch ein letztes Mal sehen, bevor Sie ihn abtransportieren lassen.«

Seine Worte besänftigten sie. Ihr Groll verflog. Sie neigte ihren Kopf zur Seite und musterte ihn. Sein Gesicht mit dem hübschen Schmollmund hatte einen exotischen Touch, den sie nicht zuordnen konnte. Die altmodische Hornbrille fand sie unmöglich und den grauen verknitterten Anzug langweilig. Und dass er nicht einmal eine Krawatte trug, war für sie sowieso ein Fauxpas.

Schau, schau, wie verlegen er von einem Fuß auf den anderen tritt, um von seinen schmutzbespritzten Schuhen abzulenken, dachte sie. So ein komischer Kauz. Hat vermutlich auch nicht viel Erfahrung mit Frauen und ein schmales Einkommen, was ihn ziemlich unattraktiv macht.

Sie schenkte ihm ein herablassendes Lächeln, als ihr ein leiser Verdacht kam. »Sie sind doch nicht etwa der Bieter mit der Nummer 69?«

Er nickte ergeben und lächelte scheu zurück. »Genau, der bin ich.«

In ihrem Blick lag Mitleid. »Sie sind wohl enttäuscht, weil ich Sie überboten habe.«

»Nein, nein«, wehrte er ab, während er umständlich seinen offenen Hemdkragen zurechtzupfte. »Ich gönne Ihnen die Figur natürlich. Sie ist wirklich ein schönes Objekt, obwohl ich denke, dass sie viel zu viel dafür geboten haben.«

Sie zog ihre Augenbrauen zusammen. »Sie kennen sich da wohl aus.«

Leise hüstelnd kramte er in den Innentaschen seines Sakkos, bis er eine Visitenkarte fand und sie ihr hinhielt.

»Ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Shanti Rávana Raghunat«, erklärte er steif. »Ich bin Professor für indische Geschichte am Südasiatischen Institut der Universität London. Ich bin Experte für indische Antiken und derzeit als Gastprofessor in Wien tätig. Gelegentlich arbeite ich auch als Sachverständiger für das Dorotheum. Mein Fachgebiet sind alle Objekte und Schriften, die mit Rávana zu tun haben.«

Als sie nach der Visitenkarte griff, berührten sich kurz ihre Hände und sie vermeinte ein elektrisierendes Knistern zu verspüren, das sie wie ein wohlig prickelnder Schauer durchfuhr.

»Oh«, stieß sie unwillkürlich aus und riss verblüfft die Augen auf.

Er überging ihre Verblüffung.

»Vielleicht benötigen Sie ja irgendwann einmal meine Dienste«, bot er ihr an. »Ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung. Rufen Sie mich einfach an, wenn Sie mich brauchen.«

Sie steckte die Visitenkarte in ihre Etuitasche. »Danke, aber ich glaube nicht, dass ich Bedarf an Ihren Diensten haben werde.«

Ihre ablehnenden Worte riefen ein schüchternes Lächeln bei ihm hervor. »Na gut, ich werde mich dann wohl besser verabschieden«, meinte er. »Leben Sie wohl.«

Er wandte sich zum Gehen, während sie ihm mit ihrer huldvoll erhobenen Hand nachwinkte und ihre kirschroten langen Fingernägel im Neonlicht aufblitzten.

Ein echt schrulliger Typ, dachte sie und musste lachen. Den werde ich wohl so bald nicht wiedersehen.

Er hatte den Ausstellungsraum bereits verlassen, und so bekam sie nicht mit, dass auch er lachte. Zwar hatte er seine Mission noch nicht beenden können, doch nachdem er nun Jaqueline Amsbach als weltfremder, linkischer Eigenbrötler von seiner Harmlosigkeit überzeugt hatte, wusste er bereits, wie er weiter vorgehen würde. Im Gegensatz zu ihr war er sich ganz sicher, dass sie sich sehr bald wiedersehen würden.







Tarla R. Teser wurde 1953 in Wien geboren, wo sie auch heute noch lebt. Schon in ihrer Kindheit hatte sie Freude daran, sich Geschichten auszudenken, die sie aufschrieb, sobald sie buchstabieren und lesen lernte. Die Liebe am Schreiben ließ sie seit damals nie wieder los. Bereits mit 16 versuchte sie sich an einem ersten Roman, der allerdings in einer Schublade landete, später dann an Kurzgeschichten und Drehbüchern für einen Science Fiction-Club. Während einer Überlandreise nach Indien entdeckte sie die Leidenschaft für dieses wunderbare Land, das sie auch später immer wieder besuchte und das ihre Fantasie beflügelte. Lange Zeit an einen Bürojob gebunden, in dem sie zwar auch stets mit dem Erstellen und Korrigieren von Texten zu tun hatte, sich jedoch nicht verwirklichen konnte, veröffentlicht sie nun endlich ihren ersten Roman, der natürlich ebenfalls von Indien inspiriert ist.

© 2029 Tarla R. Teser & Maria Paller | kraftoase