tarla R. teser

Mara und die Legehennen


Kurzgeschichte

Der junge Mann sitzt im Kaffeehaus. Er trägt Jeans und hat das unauffällige Gesicht eines Menschen, an den man sich nicht erinnert, auch wenn man ihn schon viele Male gesehen hat. Er lässt den Zucker aus dem Zuckerstreuer in den Kaffee rieseln, rührt mit dem kleinen Löffel aus rostfreiem Stahl ein paar Mal um und nimmt einen kräftigen Schluck, ehe er sich zurücksinken lässt auf die mit brüchigem roten Kunstleder überzogene Sitzbank. Der Duft des Kaffees und das Stimmengemurmel der anderen Kaffeehausgäste hüllen ihn ein. Er blickt auf seine Armbanduhr und sieht, dass es halbsieben ist. Er seufzt erwartungsvoll, denn in einer halben Stunde wird Mara kommen.
Mara mit den schwarzen Locken. Mara mit den großen, tiefbraunen Gazellenaugen, die jeden Mann um den Verstand bringen. Vor einem Jahr auf dem Markusplatz in Venedig hat er sie das erste Mal gesehen. Sie hat Tauben gefüttert, und das enganliegende, mohnblumenrote Kleid hat ungenierte und tiefe Einblicke auf ihre sonnenbraune, samtig schimmernde Haut freigegeben. Und erst dieser Mund mit den vollen roten Lippen und den gleichmäßigen perlenweißen Zähnen!
All seinen Mut hat er zusammennehmen müssen, um sie anzusprechen.
"Verzeihung", hat er unsicher gesagt und die Worte sind nur ganz dünn aus ihm herausgekommen, "Verzeihung, aber ich möchte sie gerne kennenlernen."
Sie hat ihn herausfordernd angelächelt, als sie mit ihrer tiefen und unerhört erotischen Stimme geantwortet hat: "Ach ja, möchten Sie das?"
"Sie gefallen mir", hat er hilflos gestammelt. "Wissen Sie, ich schau Ihnen schon die ganze Zeit zu."
"Ich weiß", hat sie gemeint und ihn herausfordernd von der Seite her angeschaut. "Warum laden Sie mich nicht einfach zu einem Martini ein? Martini ist mein Lieblingsgetränk."
"Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?" Die Stimme, die ihn unsanft vom Markusplatz wieder zurückbefördert auf die kunstlederbezogene Sitzbank im Kaffeehaus, schnarrt wie ein rostiger Wecker und gehört einem kleinen älteren Mann mit Sichelbeinen und Birnenkörper. Ein schütterer Haargranz, so langweilig grau wie der altmodische, nach Mottenpulver riechende Anzug, umrahmt seine Glatze. Unter dem linken Arm hat er einen dicken, abgegriffenen Büroordner geklemmt.
"Nein, nein, ich hab nichts dagegen", antwortet der junge Mann abwesend und auch etwas verärgert, weil man ihn aus seinen Träumen gerissen hat. "Setzen Sie sich nur."
"Danke", sagt der kleine, dickliche Mann übertrieben höflich. "Danke, das ist wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen."
Seine braunen Schnürschuhe knarren, als er den Sessel zurechtrückt und steif und umständlich darauf Platz nimmt. "Wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen."
Er streicht die widerspenstigen Haare auf beiden Seiten der Glatze zurecht, legt seinen Ordner feierlich auf den Tisch, öffnet ihn und beginnt geräuschvoll die mit winzigen, unleserlichen Schriftzeichen vollgekritzelten Seiten umzublättern.
"Wirklich sehr liebenswürdig", wiederholt er noch einige Male wie eine hängengebliebene Schallplatte, "liebenswürdig, sehr liebenswürdig."
Während der junge Mann einen Schluck Kaffee trinkt, beobachtet er skeptisch über den Tassenrand hinweg sein Gegenüber.
So ein komischer Vogel, der hat wohl nicht alle Tassen im Schrank, denkt er und kehrt mit seinen Gedanken zurück zu Mara und zum Markusplatz.
Es war bereits spät am Abend, als sie in einer kleinen, schlecht beleuchteten Bar in der Nähe des Canale Grande gesessen sind. Sie waren die einzigen Gäste. Von der Gasse her hat man die Stimmen und Schritte von vorübergehenden Leuten gehört. Ihre schönen zarten und doch gleichzeitig so kraftvollen Hände sind in seinen Händen gelegen, und ihre Augen sind ihm vorgekommen wie zwei tiefe dunkle Seen, in denen sich die Sterne spiegeln und in denen ein unergründliches Geheimnis verborgen liegt.
"Ich heiße Mara", hat sie gesagt, so als würde dies alles erklären.
Etwas wie eine hauchdünner, glitzernder Seidenfaden ist in der Luft gelegen, und gleichzeitig hat er das Gefühl gehabt, Mara schon seit vielen Jahren zu kennen. Ihre vollen, schön geschwungenen Lippen sind plötzlich ganz nah vor ihm gewesen, haben sich langsam geöffnet und .........
"Puff!", platzt der kleine Mann plötzlich unerwartet laut heraus und lässt damit das Bild von Mara mit den zum Kuss geöffneten Lippen wie eine schillernde Seifenblase zerplatzen.
"Puff, Eduard Puff mein Name, Tiersprachenforscher. Ich hoffe, Sie halten mich nicht für aufdringlich, wenn ich mich Ihnen so einfach vorstelle. Ich belästige Sie doch nicht etwa?"
Der junge Mann klingt etwas gequält. "Nein, Sie belästigen mich nicht, Herr Puff."
Ob er Herrn Puff wohl lieber hätte sagen sollen, dass er sich sehr wohl belästigt fühlt und mit seinen Gedanken an Mara lieber allein sein möchte?
Doch schon kommt alle Reue zu spät. Puff fühlt sich offensichtlich ermutigt und ist nun, ähnlich einem ins Rollen gebrachten Stein, nicht mehr aufzuhalten. Wohlwollend lächelnd zieht er die Winkel seines pergamentlippigen Mundes hoch.
"Ja, Sie haben richtig gehört", erläutert er wichtigtuerisch. "Ich bin Tiersprachenforscher. Mein Spezialgebiet ist die Sprache der Legehennen. Wussten Sie, dass eine braune Legehenne das "Ga" im Anlaut aspiriert, während eine weiße Legehenne dagegen ein "Gja" spricht, weil sie dabei den mittleren Zungenrücken genau gegen die Grenze zwischen hartem und weichem Gaumen drückt?"
"Das ist ja wirklich sehr interessant", entgegnet der junge Mann leicht verbittert. Ja hat denn dieser Puff überhaupt kein Gefühl für seine Mitmenschen? Merkt er denn nicht, dass man vielleicht lieber in Ruhe gelassen werden möchte? Fragt er sich denn, ob Andere von seinen Hirngespinsten überhaupt etwas hören wollen? Sprechende Legehennen! Lächerlich!
"Sehen Sie", fährt Puff enthusiastisch fort und deutet mit seinen kurzen Fingern auf die vollgekritzelten Seiten im Ordner. "Hier habe ich all meine Forschungsergebnisse niedergeschrieben. Viele Tage und Nächte habe ich in den verschiedensten Hühnerställen zugebracht, und ich kann Ihnen sagen, man würde nicht für möglich halten, was dort alles passiert, was Hühner so alles miteinander zu reden haben. Eine braune Legehenne zum Beispiel sagt "Gagága", wenn sie meint "Das ist mein Nest", und sie betont die zweite Silbe. Die weiße Legehenne hingegen sagt nur kurz "Gjágja" und betont die erste Silbe. Dass die Haltung von Hennen in Legebatterien natürlich zu einer gewissen Verarmung des Wortschatzes führt, brauche ich Ihnen wohl nicht zu dokumentieren."
Der junge Mann atmet erleichtert auf, als der Ober Herrn Puff auf einem versilberten Tablett eine Kaffeetasse und ein Glas Wasser serviert und ihn dadurch zu einer kurzen Sprechpause zwingt.
Während Herr Puff seine Melange umrührt und dabei den Löffel auffälligerweise nur mit Daumen und Zeigefinger festhält, die restlichen Finger aber elegant abspreizt, überlegt der junge Mann, welches Kleid Mara wohl heute anhaben wird, wenn sie kommt. Oder wird sie Jeans und das enge gelbe Top tragen, das ihr so gut passt? Egal, sie wird aufregend aussehen wie immer, und die Männer werden ihr bewundernde Blicke zuwerfen, wenn sie sich zu ihm an den Tisch setzt. Ihr Haar wird wieder diesen faszinierenden Duft nach exotischen Blüten verströmen. Und sie wird lachen über diesen Puff mit seinen Legehennen.
"Was nun also meine Forschung über die Sprache der Legehennen angeht", redet Puff unbeirrt weiter, "so kann ich Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass ich in Kürze ein umfangreiches wissenschaftliches Werk über meine Forschungsresultate veröffentlichen werde. Auch Sie sollten mein Buch unbedingt lesen. Es ist endlich an der Zeit, dass wir durch die Sprache der Legehennen mehr über die Psyche dieser hochsensiblen Geschöpfe erfahren. Wenn Sie so nett sein wollen, mir Ihren Namen und Ihre Adresse zu geben, so schicke ich Ihnen gerne ein Gratisexemplar mit persönlicher Widmung zu."
"Nein, Herr Puff!", protestiert der junge Mann. Seine Geduld geht langsam zu Ende. "Ich möchte kein Gratisexemplar Ihres Buches, und ich ersuche Sie auch, mir bitte nichts mehr über Ihre Legehennen zu erzählen. Ich warte nämlich auf meine Freundin, und wenn Sie nichts dagegen haben, wäre ich jetzt gerne mit meinen Gedanken allein."
"Oh, entschuldigen Sie", schnarrt Puff betroffen. "Entschuldigen Sie vielmals. Ich wollte Sie wirklich nicht stören. Es tut mir leid, aber sehen Sie, die Sprachunterschiede zwischen Legehennen und die daraus resultierenden Verständigungsprobleme sind etwas dermaßen Phänomenales, dass ich dachte....."
"Es ist wohl besser, ich gehe jetzt", unterbricht der Junge Mann ihn. Er weiß, dass er nicht mehr über genug Ausdauer und Kraft verfügt, um noch einen weiteren von Puffs Monologen über sich ergehen zu lassen. Er steht auf, zieht einen zerknitterten Fünf-Euro-Schein aus der Hosentasche und legt ihn auf den Tisch.
"Ich werde draußen auf meine Freundin warten. Auf Wiedersehen, Herr Puff."
"Auf Wiedersehen." Puff klingt etwas desillusioniert: "Schade gerade jetzt wäre unsere Unterhaltung erst richtig anregend geworden. Ich hoffe, wir begegnen uns bald wieder. Dann kann ich Ihnen mehr von den Legehennen berichten, von den weißen, meine ich. Die haben gelegentlich einen Sprachfehler und ....."
Die Worte von Herrn Puff gehen im Stimmengemurmel, im Klappern von Kaffeelöffeln und Tassen, im lauten Zurückschieben von Sesseln und Blättern in Zeitungen unter, als der junge Mann sich zum Gehen wendet.
Gleich darauf steht er draußen auf dem Gehsteig und hört, wie die alte Glastür hinter ihm quietschend zufällt. Die Abgase der vorbeifahrenden Autos steigen ihm in die Nase. In der Nähe bellt ein Hund, und die Abendsonne spiegelt sich in den Fensterscheiben der gegenüberliegenden Häuserzeile.
So ein Spinner, dieser Puff, denkt der junge Mann mitleidig, nachdem sein Ärger verflogen ist, so ein armer Trottel. Sein Buch über die Sprache der Legehennen wird natürlich nie erscheinen, wird nie jemand lesen. Es ist nicht zu fassen, aber da jagt ein Mensch einem Traum nach, steckt all seine Energien hinein in unsinnige und hirnrissige Ideen, die zum Scheitern verurteilt sind.
Fast nebenbei blickt er auf seine Uhr. Es ist fünf nach sieben. Mara ist nicht gekommen, aber er ist nicht enttäuscht. Wehmütig denkt er zurück an Venedig, wo er vor einem Jahr dieses auffallend hübsche Mädchen gesehen hat. Er hätte sie gerne angesprochen, aber er hat nicht den Mut dazu gehabt. In seinen Gedanken hat er sie Mara genannt, hat er sich ausgemalt, wie schön es wohl wäre, von ihr einen Kuss zu bekommen, von ihr geliebt zu werden. Einen wundervollen, unerreichbaren Tagtraum hat er geträumt, den er auch jetzt noch manchmal aus seiner Erinnerung hervorholt, und zwar jeden Dienstag zwischen sechs und sieben Uhr abends, wenn er im Kaffeehaus sitzt und sich vorstellt, dass er auf Mara wartet, obwohl er genau weiß, dass sie niemals kommen wird.

©Tarla R. Tezer

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