tarla R. teser

Blumen in Ravanas Garten


Leseprobe


"Oh Rávana, mein Herr und König, was hast du mir nur angetan!", klagte die schöne Vedavati. "Du hast mein Haar berührt und nun bin ich aus Leidenschaft und Liebe zu dir entflammt, so dass ich in meinem eigenen Feuer verbrennen werde." (aus dem Rávana Kahaani von Dushana)



Shanti Rávan, der gefeierte Tänzer und Starchoreograph der Eccentric Indian Dancecompany war nicht nur ein Genie, sondern auch äußerst attraktiv. Er hatte dichtes, bis auf die Schultern herabfallendes schwarzes Haar, ein ebenmäßiges Gesicht mit kräftigen Backenknochen, einen für einen Mann eher untypischen Schmollmund und ein Bärtchen oberhalb der Lippen und am Kinn. Und er hatte wundervolle, leicht ironisch dreinblickende Rehaugen.
Gott, was für ein gutaussehender Mann, dachte Vera Watzlawek, die Intendantin des Tanzquartiers Wien. Sie konnte noch immer nicht fassen, dass es ihr gelungen war, die Eccentric Indian Dance Company nach Wien zu holen und war hingerissen von ihrem berühmten Gast, den sie nach einer Führung durch den Backstage-Bereich nun auf die Bühne der Veranstaltungshalle begleitete, um ihm persönlich zu zeigen, wo die geplante Aufführung mit seinem Ensemble stattfinden sollte. Sie ordnete ihr kurzgeschnittenes platinblond gebleichtes Haar und strich die Jacke ihres rosa und hellgrau gemusterten Chanel-Kostüms zurecht, um Haltung zu bewahren und sich ihre schwärmerischen Gedanken nicht anmerken zu lassen. Sie war fünfzig und bis jetzt der Meinung gewesen, sich mit diesem Alter von Männern nicht mehr aus der Fassung bringen zu lassen, doch wenn Shanti Rávan sie mit seinen samtigen braunen Augen anblickte, hatte sie das Gefühl, dahinzuschmelzen.
Er blieb mitten auf der Bühne stehen, die Hände bequem in die Taschen des schwarzen Leinensakkos gesteckt und ließ seine Blicke nachdenklich über die leeren Sitzreihen im Zuschauerraum und hinauf zu den an Metallgerüsten montierten Scheinwerfern gleiten. "Wunderbar", stellte er zufrieden fest und wendete sich der Intendantin zu. "Dann wäre ja wohl alles klar. Die nötigen Unterlagen darüber, welche Umbauten und welche Anforderungen wir an die Licht- und Tontechnik stellen, haben sie ja bereits von meinem Assistenten bekommen."
Er verwies mit einem kurzen Kopfnicken auf einen großgewachsenen hageren Mann mit dünnem zurückgekämmten Haar, der sich im Hintergrund hielt, eine lange Nase und ein zurückweichendes Kinn hatte und so nichtssagend aussah, dass man sich sein Gesicht vermutlich auch nach längerem Hinsehen nicht gemerkt hätte.
"Und ich erwarte, dass Sie die Bühne für die von mir angegebenen Probezeiten bereithalten." Der weiche, sanfte Blick seiner braunen Augen traf jetzt wieder die Intendantin und nahm sie so gefangen, dass sie nur noch ein einziges Wort herausbrachte. "Selbstverständlich."
Sein Assistent folgte ihm schweigend, als sie sich von der Intendantin verabschiedet hatten und das Gebäude verließen. Gemeinsam schlenderten sie zur gegenüberliegenden Seite des asphaltierten Hofes, wo auf einem der VIP-Parkplätze eine schwarze Limousine stand.
"Was hast du übrigens über Jaqueline Amsbach herausgefunden?", fragte er den Hageren und strich sich gedankenverloren über seinen Kinnbart.
Das Gesicht seines Assistenten blieb ausdruckslos, als er antwortete. "Sie wohnt in einem kleinen Barockschloss außerhalb von Wien in der Nähe von Perchtoldsdorf. Sie hat es gemeinsam mit einem ansehnlichen Vermögen von ihrem verstorbenen Mann geerbt. Leider kann sie überhaupt nicht mit Geld umgehen. Sie hat alles verschleudert und steht vor dem Bankrott. Unbegreiflich, dass jemand in einer solchen Situation 15.000 Euro für eine Statue ausgibt."
"Selbst Schuld", meinte Shanti Rávan mitleidslos. "Sie wollte die Statue ja unbedingt haben und nun gehört sie ihr eben. Eigentlich bin ich recht froh, dass sie mich überboten hat. Das hat mir eine Menge Geld erspart. Nun muss ich mir nur noch überlegen, wie ich an das Manuskript herankomme. Ich werde Jaqueline Amsbach wohl am besten mal anrufen und meinen Besuch bei ihr ankündigen. Alles Weitere wird sich dann schon ergeben."
Der Hagere hob kaum merklich eine Augenbraue. "Sag, willst du Jaqueline Amsbach tatsächlich wieder diesen schüchternen Professor Raghunat vorspielen?"
Shanti Rávan hob seine Mundwinkel zu einem erheiterten Grinsen. "Du weißt doch, welchen Spaß ich an solchen Verkleidungen habe, und außerdem bin ich ja wirklich Professor Raghunat."

©Tarla R. Teser

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