Rituale

Mondgeheimnisse

Wer hat nicht schon in einer sternklaren Nacht träumerisch hinauf gesehen zu den glitzernden Lichtpunkten, die uns aus der Ferne entgegen strahlen?



War da nicht die milchige Scheibe des silbernen Mondes ein magischer Anziehungspunkt für die Blicke? Kehrte nicht das suchende Auge immer wieder zum Beherrscher der Nacht zurück? Fühlten wir uns nicht angezogen von der Ausstrahlung und den Geheimnissen dieses einzigartigen Erdtrabanten?

Was ist es das diesen „Gesteinsbrocken“, der mit seinen rund 3470 km Durchmesser gerade 27 % des Erddurchmessers hat, so geheimnisvoll und anziehend macht? Was wissen wir eigentlich über den Mond?

Die Wissenschaft kann da schon mit einigen Fakten dienen.

Nicht erklärbar sind die Auswirkungen des Mondes auf die menschliche Psyche. Denn bewiesen ist, dass sich die Aggressionen manchen Menschen bei Vollmond enorm steigern und bis zur Unzurechnungsfähigkeit anwachsen können. So stellte Dr.E.A.Janino aus Massachusetts fest, dass sowohl Jack the Ripper als auch der „Würger von Bosten“ und der „Aufschlitzer“ wahrscheinlich an angeborener Mondsucht litten und vom Einfluss des Vollmondes zu ihren Untaten getrieben wurden. Der als „Sohn des Satans“ bezeichnete Verbrecher mordete in New York in drei Neumond- und vier Vollmondnächten. Sarah Moore erschoss Präsident Ford in einer Neumondnacht. Patricia Hearst wurde in einer Neumondnacht entführt und von April 1976 bis April 1977 sprangen in Vollmondnächten neun Selbstmörder von der Golden-Gate-Bridge in San Francisko.

Die Aufzählung solcher Geschehnisse könnte in beliebiger Länge fortgesetzt werden. Mediziner haben sich ausführlich mit dem Einfluss des Mondes auf ihre neurotischen Patienten befasst. Es stellte sich dabei heraus, dass Neurotiker nicht besonders den Einflüssen des Mondes erliegen. Daher geht die Medizin heute davon aus, dass die „Mondsucht“ eine eigenständige Krankheit ist. Man darf sich jedoch nicht vorstellen, dass ein an der Mondsucht erkrankter mit einer Kerze in der Hand oder ausgestreckten Armen über den Dachfirst wandelt. Mit „Mondsucht“ wird eben jener Auslösefaktor bezeichnet, der sich für manche instabile Persönlichkeiten ergibt und bei ihnen Aggressionen oder Depressionen auslöst, die sich nur in Neumond- oder Vollmondphasen zeigen.

Doch auch bei vielen durchaus „normalen und gesunden“ Menschen ist die Belastung durch Neu- oder Vollmond ebenfalls bemerkbar. Sie fühlen sich nicht wohl, haben Kopfweh oder sind „besonders angerührt“. Niemand nimmt solche Zustände besonders ernst. Und doch sollte man lernen mit der Energie, der wir zu diesen Mondphasen ausgeliefert sind, richtig umzugehen. Das Wissen, dass „der Mond dran schuld ist“ reicht nicht ganz aus.

Dr. Benjamin Rush – der Vater der amerikanischen Psychiatrie – erkannte und beschrieb die Beziehung zwischen den Mondphasen und menschlichen Krankheiten und wies besonders auf Geistesstörungen hin. Doch eigentlich sprach er über nichts Neues. Im gesamten Verlauf der uns bekannten menschlichen Geschichte wussten Ärzte, Naturforscher und Heiler von der engen Verknüpfung des Mondlaufes mit dem körperlichen und seelischen Befinden des Menschen. Anäos Nin schrieb einmal: „Bei der Betrachtung des Mondes erlangte sie die Gewissheit von der durch Gefühlstiefe, Ausmaß und grenzenloser Vielfalt der Erfahrungen bewirkten Weite der Zeit.“

Die „Alten Wissenden“ erkannten, dass sie selbst „kosmische Resonatoren“ waren. Auch wenn wir ihnen noch immer unterstellen, dass sie von magnetischen Stürmen, Sonnenflecken und kosmischer Strahlung nichts wussten und auch nicht in der Lage waren die Gesetzte der allgemeinen Gravitation zu formulieren – sie setzten voraus, dass alles im Universum in irgend einer Weise miteinander verknüpft war. Sonne, Mond und Planeten waren unübersehbare Zeichen der Vorgänge im Kosmos. Sie konnten berechnet werden, denn ihre Bewegungen waren vorhersehbar. Astrologen und Astronomen brachten viel Zeit und Geduld auf. Johannes Keppler formulierte die Gesetze der Planetenbewegungen und schuf mit seiner Arbeit einen Teil der Grundlagen für die modernen Berechnungen.

Wie wichtig der Mond für die Harmonie des Menschenlebens ist, war in früheren Zeiten wesentlich bekannter als heute. So schreibt die Ananda-Marga-Yoga-Gesellschaft zum Beispiel die Fastentage nach dem Mondkalender vor und bestimmt den 4. Tag vor dem Neumond und dem Vollmond. Da sich an diesem Tag der „Gravitationsstress“ zu steigern beginnt gehen die Ananda-Marga davon aus, dass dadurch das Gleichgewicht im menschlichen Organismus gestört wird.

Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen die Theorie, dass die biologischen Rhythmen eines Lebewesens bei seiner Geburt geprägt werden. Vergleichende Berechnungen lassen z.B. die Möglichkeit erhöhter Unfallneigung, aber auch Irrtümer, und Fehlbeurteilungen während jener Mondphase erkennen, die derjenigen entspricht in der die Testperson geboren wurde. Dies gilt auch für die dieser Mondphase gegenüberliegende Phase.

In den Mythen fast aller Kulturen ist der Mond eine Göttin, die Sonne aber ein Gott. Der Gegensatz zwischen Sonne und Mond ist so alt die der Kampf der Geschlechter. Dies wird durch einen alten hawaiianischen Text sehr gut ausgedrückt: „....als das Weibliche und das Männliche nicht mehr ein Gemeinsames waren trennte sich der Mond von der Sonne.“

Der Einfluss der Mondgöttin in ihren verschiedenen Gestalten wurde intensiv bekämpft. Doch es gelang nie ihre Spuren gänzlich zu verwischen. Immer blieb sie reizvoll und anziehend. Denn im menschlichen Gefühlsleben und Unterbewusstsein gibt es starke und geheimnisvolle Kräfte, die schrecklich und schön zugleich sind. Sie sind die Urquellen von Schöpfergeist, Liebe und Fruchtbarkeit. Daher befriedigte die Verehrung der Mondgöttin ein tief im Menschen verschlossenes Bedürfnis und wurde zu einem unverzichtbaren Teil des Geheimnisses der menschlichen Seele.

Die physikalische und symbolische Rolle des Mondes ist von unmittelbarer Bedeutung für das menschliche Gefühlsleben. In der heutigen Zeit weist viel darauf hin, dass sich die Menschen des Mondes bzw. der Mondin wieder stärker bewusst werden und ihr lunares Wissen vermehren. Die anhaltende Verzweiflung unserer Gesellschaft ist am deutlichsten im aufhellenden Schein des Mondes zu erkennen.

Wir finden den Mond bzw. die Mondin in allen Kulturbereichen als etwas Geheimnisvolles und Beeinflussendes. In den „Upanischaden“ – den vorchristliche und den indischen Veden beigefügten Texten – heißt es: „Der Mensch geht nach seinem Tode zum Mond, um von dort zum Äther, dann in die Luft und schließlich in Rauch, Wolke und Nebel überzugehen.“

Im Sanskrit wird der Mond als „Herr der Kräuter“ bezeichnet und das „Rigweda“ – die älteste schriftliche Überlieferung indischer Religionsphilosophie – widmet ihm ein ganzes Kapitel. Die früheren indischen Gelehrten setzten den Mond dem hochheiligen Soma gleich, einer Pflanze deren gegorener Saft als göttlich galt. Die Vorstellung, dass Mondstrahlen kraft- und lebensspendend sind und dem Mond ausgesetztes Wasser wundertätig und heilkräftig sei, stammt aus diesen Zeiten.

In der chinesischen Mythologie flüchtet Chang-O – die Göttin des Mondes – vor ihrem Gatten, dem Bogenschützen I. , zum Mond. Der Gatte erkennt, dass sie richtig gehandelt hat und besucht sie gerne in ihrem herrlichen Mondpalast.

Im 27. Kapitel des Tien-kuan-shu kann man folgendes nachlesen: „Im Himmel gibt es Sonne und Mond, auf der Erde gibt es Yin und Yang.“

Im Titicacasee kann man heute noch die Mondinsel Coati der Chimu besuchen. Die Chimu lebten an der Nordküste Perus und waren ein hochzivilisiertes Indianervolk. Sie waren Sonnen- und Mondanbeter. Die Mondjungfrauen waren ebenso hoch geachtet wie jene Sonnenpriesterinnen, die das heilige Feuer zur Sommersonnenwende an einem Hohlspiegel entzündeten. Mama Quilla, der Mondgöttin, wurden auch Menschenopfer gebracht.

In den uralten Aufzeichnungen der Tuaregs findet sich dieses Mondgebet.

„Ich bin allein mit dir, du silbernes Gestirn.
Niemand auf Erden hab ich jetzt, der mich verteidigt.
Nur du allein begleitest mich auf diesem Weg.
Und deshalb rufe ich dich, oh Mond.
Du bist so leuchtend, bist so schön.
Dein Licht erfüllt die Zelte.
Und so erbitte ich von dir,
erleuchte den Geist jener, die mir Übles antun wollen.
Und jener, die vor dem Schlimmsten nicht zurückschrecken.
Wirf dein Licht in ihre Seele.
In Frieden mögen sie mich und die Meinen ziehen lassen.“

Beeindruckend sind diese Worte aus vergangenen Zeiten. Doch sie gleichen unseren Gedanken, wenn wir in einer Vollmondnacht alleine auf dem Heimweg sind.

Zuviel Wissen haben wir im Laufe der Zeit verloren.
Zuviel modernes Wissen haben wir uns angeeignet.
Lassen wir uns wieder vom silbernen Leuchten des vollen Mondes in die zauberischen Welten des Gefühls tragen.
Wir werden es nicht bereuen.

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